Die Flucht aus der eigenen Heimat

Zwölf Stunden Stromausfall. Bomben fallen und Schüsse prallen wie ein Hagelsturm auf die Hauswände ein. Entweder du tötest oder du wirst getötet erinnert sich Karim* an den Beginn der vielen Tage und Wochen voller Angst. Es herrscht Krieg. Der 22-Jährige ist einer von insgesamt 3,8 Millionen Syrern, die vor dem Bürgerkrieg flüchteten.

Karim lebt in einem kleinen Flüchtlingshaus. Das Gebäude ist hell gemauert. Rundherum stehen hohe Hecken. Es scheint, als würden der Wind und die Geräusche der vorbeifahrenden Autos um die Wette heulen. Karims Zimmer befindet sich am Ende des langen Flures im Erdgeschoss. Die Fenster sind mit Gardinen verschlossen, sie verwehren den Blick in den kleinen Raum. In jeweils zwei der vier Ecken des spärlich eingerichteten Zimmers steht ein Bett. „Entschuldige, es ist nicht sehr schön hier“, erklärt der junge Mann verschämt. Auf dem einen der beiden Betten sitzt ein weiterer Mann. Er hat tiefschwarzes Haar und einen dichten langen Vollbart. Sein Name ist Ismail, er stammt aus dem Kosovo. Er raucht und aufgeregt wippt er mit seinem rechten Bein auf und ab. Karim setzt sich auf das freie Bett und deutet auf den Tisch, auf dem neben Tabak, dem arabischen Gewürz Zater, Burger und Kaffee stehen. Nach kurzem zögern steckt er sich ebenfalls eine Zigarette an. Der Raum füllt sich langsam mit Zigarettenqualm.

Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, als die türkischen Zollbeamten seinen syrischen Pass in seinem Rucksack finden. Karim hatte nicht damit gerechnet, dass sein Versuch in die Niederlande zu fliehen scheitern würde. Alles war bis in das letzte Detail geplant. Er hatte polnisch gelernt und alle Daten des geliehenen Ausweises wieder und wieder gelesen, bis sie sich in sein Gehirn brannten. In der Schlange zum Flugzeug sah er als einziger wie ein Europäer aus. Er war sich sicher, dass er es endlich geschafft hatte. Doch was er nicht ahnte – sein Freund aus Syrien hatte ihn und seinen Fluchtplan an die Polizei verraten. Während er seine Geschichte schildert, ist seine Mimik ausdruckslos. Nach vorne gebeugt hat er die Ellenbogen auf seinen Knien abgestützt. Die blauen Augen hält er jetzt geschlossen, als sähe er seine Vergangenheit in Bildern vor sich. Ganz alleine verließ er sein Heimatland, er hoffte in der Ferne auf ein besseres Leben. Es herrscht eine ganze Zeit lang stille. Der sonst so fröhliche und redegewandte Mann schweigt. Dann bricht er das Schweigen. „Saida, meine Schwester, sie ist in Damaskus geblieben“, seine zuvor so ausdruckslose Stimme beginnt zu zittern. Nervös streicht er sich mit den Handflächen durch das an den Seiten kurz rasierte Haar. „Sie ist mit einem Mann vom Militär verheiratet. Ich kann nicht begreifen, dass sie ihr altes Leben in Angst einem Sicheren vorzieht“, gibt Karim zu. Seine Augen hat er wieder geöffnet. Er starrt in die gegenüberliegende Ecke des Raumes und fügt hinzu: „Sie ist die Einzige die mir geblieben ist und ich mache mir sorgen“. Seine Eltern starben schon vor dem Krieg.

Profil

Nach seinem ersten Fluchtversuch kam dem jungen Syrer nur eine Lösung in den Sinn. „Ich muss Schlepper bezahlen, damit sie mich aus dem Land schaffen“, erklärt Karim, während er sich die Ärmel seines dunkelblauen Pullovers hochschiebt. Mit steigenden Flüchtlingszahlen nach Europa wird auch das Geschäft für die unzähligen Schlepper immer lukrativer. Für einen Transport über die Grenze verlangen sie bis zu 3.000 Euro. Vier Tage lang lebte Karim in einem Haus, indem die Schlepper alle Flüchtlinge sammelten. Dann schafften diese ihn zusammen mit einem Mann, seiner Frau und dessen Säugling, sowie 5 anderen Syrern in einen Van. Nahe der bulgarischen Grenze setzten die Schmuggler sie aus. Sie sagten ihnen, dass sie alle ihre Sachen zurücklassen müssten. Ohne etwas zu essen und zu trinken schickten die Schieber sie auf einen Weg in die Ungewissheit. „Wir sind drei Tage lang gelaufen. In der Nacht machten wir Feuer und schliefen unter freiem Himmel“, mittlerweile klingt in der sonst so entspannten Stimme des jungen Mannes Wut mit. „Wir hatten nicht einmal Milch für das Baby“, seine linke Hand zu einer Faust geballt greift er zu seiner mittlerweile restlos abgebrannten Zigarette. Er lacht, drückt die Zigarette aus und dreht sich eine Neue. Nach drei Tagen trafen sie auf ein Dorf. Eine Wasserflasche am Wegrand mit russischer Aufschrift verriet, sie hatten es nach Bulgarien geschafft. Nach Deutschland war es nun nicht mehr weit.

In Sofia bestimmten Prostitution, Diebstahl und Drogen- sowie Menschenhandel den Alltag einiger Flüchtlinge. Der Wille Sofia so schnell wie möglich zu verlassen, wurde immer stärker. Mohammed der Familienvater, seine Frau und der Säugling waren seit beginn ihrer gemeinsamen Flucht immer an Karims Seite. Zusammen nahmen sie ein letztes Mal den Rest ihres Ersparten in die Hand um mit einem Schieber-Bus über Rumänien, Budapest und Österreich nach Deutschland zu kommen. Das Ende einer langen und anstrengenden Flucht war endlich in Sicht.

Karims Alltag in Deutschland ist mit seinem früheren Leben in Syrien nicht zu vergleichen. „Dort hatte ich ein Internetcafé“, erklärt er. Dabei scharrt er mit den neuen Turnschuhen verlegen auf dem Fußboden herum. Man merkt ihm an, wie stolz er auf seine Herkunft und sein früheres Leben ist. Hier in Deutschland geht er einem Ein-Euro-Job nach. Bei Wind und Wetter schneiden er und andere Flüchtlinge das Gras am Wegrand oder verarbeiten umgekippte Bäume. Es ist windig. Im Vergleich zu seiner Heimat Syrien ist es eiskalt. Im Sommer ist es dort heiß und trocken und selbst im Winter mild. Der Wind peitscht um die Ecken.

Handschlag

„Ich möchte einfach nur zur Ruhe kommen“, erklärt der 22-Jährige nachdenklich. Seine Chance auf Asyl ist jedoch gering. Gerade einmal knapp ein Drittel aller Asylanträge wurden im vergangenen Jahr in Deutschland genehmigt. 88.000 Anträge wurden abgelehnt. Seit fünf Monaten lebt er in Deutschland. Länger als ein paar Wochen durfte er in keiner Unterkunft bleiben. Was Karim an Deutschland am Besten gefalle? „In Deutschland steht Menschlichkeit über dem Gesetz“.


*Alle Namen und Orte wurden geändert. Bilder nachgestellt.

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